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Kasachstan Reisebericht:
Turkestan, Almaty und Astana

 
Text: Tjark Metznerkaukasus.html

2. Teil des Zentralasien-Reiseberichts
Die Reise durch Kasachstan


Turkestan


Gegen 6:30 Uhr klopfte es an unsere Abteiltür. Der Provodnik wollte uns vor unserem Halt in Turkestan wecken. Es waren nur noch 20 Minuten bis der Firmenzug «Узбекистан» um sieben Uhr mit einigen Minuten Verspätung Turkestan erreichte. Guten Morgen Kasachstan!


In Turkestan angekommen, hatten wir die Möglichkeit, eine Durchschnittsstadt in Kasachstan beim morgendlichen Erwachen zu erleben. Glücklicherweise gab es in Turkestan am Bahnhof gleich mehrere Geldautomaten – ein wahrer Segen im Vergleich zu Usbekistan. Mit ein paar Tausend Tenge in der Tasche konnten wir zu allererst bequem unser Gepäck am Bahnhof abgeben. Es ist schön, dass das auch in kleineren Bahnhöfen immer problemlos möglich ist. Um den Ort zu erkunden, folgten wir der Hauptstraße zum etwa sechs Kilometer entfernten „Highlight“ Turkestans – dem Yasaui Mausoleum. Der Weg führte vorbei an einem Basar, mehreren Geschäften für Brautkleider und einigen Lebensmittelläden und Restaurants. Auf dem Basar war um acht Uhr schon einiges los: gehäutete tote Ziegen wurden aus dem Kofferraum gehievt und Pyramiden unzähliger Wassermelonen wurden auf die Ablageflächen der Unimogs gestapelt.


Nach unserer eineinhalbstündigen Wanderung, erreichten wir das Mausoleum. Vor der Besichtigung gingen wir in das nahe gelegene Kafe „Safari“, um dort kalte Erfrischungsgetränke zu bestellen. Eine Stunde später starteten wir unsere Besichtigungstour. Das Yasaui Mausoleum und das Mausoleum von Rabigha-Sultan Begum stellen sich als tolle Fotomotive inmitten eines Rosenfelds heraus. Die alten Pilgerstätten stehen monumental und frei auf weiter Flur. Der gesamte Komplex ist sehr gut gepflegt. An diesem Sonntag waren auch viele kasachische Pilger vor Ort unterwegs. Von außen sind die zum Mausoleum gehörigen Gebäude beeindruckend, da die typischen blauen Kuppeln im starken Kontrast zu den kargen Lehmsteinen und den Rosenfeldern stehen. Zum ersten Mal auf unserer Reise durch Zentralasien konnten wir uns die Macht der Herrscher seiner Zeit vorstellen. Am Rande der Pilgerstätte gibt es einige Souvenirshops und Fotomöglichkeiten mit Kamelen. Hier erwarben wir hübsche Filz-Käppis mit aufgenähter Kasachstan-Flagge, die es nach ein wenig Verhandeln für zwei Euro pro Stück gab. Nebenbei waren die Hüte für uns als Sonnenschutz unerlässlich. Nach einer Stunde verließen wir das Areal und suchten in der Stadt ein Restaurant, um Schaschlik zu essen. Als Beilage bestellten wir Salat „Minister“ mit extra viel hitzeempfindlicher Majonäse. Der Schaschlik und das Bier waren gut und uns ging es unter einem schattenspendenden Dach, bei zirka 40° Celsius, gut. Schließlich schnappten wir uns eine Marschrutka zum Bahnhof. Nach wenigen Minuten kam eine Marschrutka an und wir quetschten uns in den voll besetzten Minibus.


Am Bahnhof angekommen, holten wir unser Gepäck und warteten auf unseren Zug zur Weiterreise nach Almaty. Der ganze Bahnsteig lag im Dornröschenschlaf und erwachte erst, als der Zug einfuhr. Im Nu wurden die Schaschlikgrills angeworfen und die geputzten Früchte den potenziellen Kunden angepriesen. Der Bahnsteig ist über seine gesamte Länge von unzähligen Kiosken gesäumt, die Lebensmittel und weitere Produkte für eine lange Zugfahrt verkaufen. Wir standen schon bereit, um bei Einfahrt um 14:22 Uhr gleich in unser, hoffentlich kühles, Abteil zu stürmen.



In Turkestan


Kafe Safari ★★

Der Imbiss liegt ganz in der Nähe des Mausoleums und bietet jedem Gast eine Grundversorgung mit einheimischen Gerichten und Getränken aller Art.


Yasaui Mausoleum ★★★★

Diese weitläufige Anlage ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte für Kasachen. Hier – Mitten in der kasachischen Steppe – gibt es nur wenige ausländische Touristen. Dafür sind besonders am Wochenende viele zahlungskräftige einheimische Touristen unterwegs. Bei einer Reise nach Kasachstan ist der Besuch dieses Weltkulturerbes lohnenswert.



Die Zugfahrt Turkestan-Almaty


Pünktlich rollte der Zug «Казахстан» 007TZ aus Moskau mit Abfahrt um 14:37 Uhr auf Gleis 1 in Turkestan ein. Unser Abteil war gerade noch von unserem neuen Provodnik belegt, der darin schlief und nicht aufwachen wollte. Nachdem wir einen weiteren Provodnik zu Rate gezogen hatten, wurde das Abteil innerhalb von fünf Minuten für uns geräumt. Schlaftrunken verließen der Provodnik und zwei andere „Fahrgäste“ unser Abteil. Wir waren mit Aufräumen beschäftigt, um es uns für die 17-stündige Fahrt ein bisschen heimelig zu machen.


Unser Firmenzug „Kasachstan“ sollte eigentlich der Vorzeigezug der Kasachischen Staatseisenbahn KTZ sein. Doch die in Almaty beheimateten Wagen lassen viele Wünsche offen. Im Gegensatz zum russischen Eisenbahngiganten RZD setzt die KTZ auf der historischen Paradestrecke der Turksib älteres Wagenmaterial ein. Die Klimaanlagen waren den Außentemperaturen von über 40° Celsius nicht gewachsen und die Toiletten sind in einem jämmerlichen Zustand. Das Personal ist auch nicht gerade freundlich und zuletzt sind die Teppiche wie die gesamte Einrichtung schon sehr abgenutzt.


Die nächsten Stunden gingen schnell vorbei. Während des Lokwechsels in Arys stiegen wir kurz aus. Dies war der wahrscheinlich heißeste Moment auf unserer Reise und vielleicht in unserem gesamten Leben. Die Sonne schien brutal auf die staubigen Betonplatten – alles flimmerte – wahrlich unvorstellbar bei diesen Temperaturen Eis zu verkaufen. Alle Fahrgäste und Bahnangestellten außerhalb der Wagen nutzten den schmalen Schattenstrich, den der Zug jetzt am frühen Nachmittag warf, um sich vor der Sonne zu verstecken. Auch wir konnten es nur einige Minuten außerhalb des Kupewagens aushalten. Wenig später fuhren wir ab und es ging weiter Richtung Osten. Kurz vor Schymkent besuchten wir – mit einigen Schweißtüchern im Nacken – den Restaurantwagen. Hier war es ebenfalls sehr heiß und so waren um 17 Uhr fast alle Plätze frei. Wir blätterten durch die kleine Speisekarte. Glücklicherweise gab es leckere Soljanka und kühles Bier für unter 10 Euro für 4 Personen. Nach einer Stunde kehrten wir glücklich in unser Abteil zurück. Am Bahnhof in Schymkent angekommen, kauften wir noch ein paar Snacks. Wieder unterwegs, ging die Sonne ganz langsam hinter dem Tian Shan Gebirge unter. Der Ausblick aus dem Zug war traumhaft. Der Zug schlängelte sich durch ein kleines Tal und im Hintergrund standen die gigantischen schneebedeckten Berge. Die Felder waren goldgelb und man sah kein Dorf weit und breit. Bevor wir in Taraz ankamen, querten wir auf einer Strecke von zwölf Kilometern Kirgisien. Wir legten uns früh schlafen und erreichten den Bahnhof Alma Ata 2 von Almaty mit etwas Verspätung gegen 7:30 Uhr am nächsten Morgen. Wie in Russland, wurden nach dem Zerfall der UdSSR die Namen vieler Städte geändert. Die Namen der Bahnhöfe sind jedoch oft dieselben geblieben. Dies trifft auf Kasachstans ehemalige Hauptstadt Almaty – früher Alma Ata – ebenso zu wie auf Jekaterinburg – früher Swerdlowsk. Wir stiegen aus dem Zug aus und nutzten die Fußgängerbrücke. Von dort konnten wir schon das mächtige Gebirgsmassiv hinter Almaty erspähen. Im Hauptbahnhof wollten wir noch unsere Online-Tickets der KTZ an den dafür vorgesehenen Automaten abholen. Leider stürzten alle Automaten durch einen Bedienungsfehler unsererseits nacheinander ab, sodass wir uns um einen Techniker bemühen mussten. Der Mitarbeiter konnte das Problem jedoch lösen und unsere Fahrscheine wurden tatsächlich ausgedruckt. Nun machten wir uns auf den Weg zu unserem Hotel und freuten uns auf zwei volle Tage in Almaty!



Almaty (ehemals Alma-Ata)


Almaty ist der Inbegriff einer kasachischen Metropole. Wenn man bei der Ankunft mit dem Zug oder Flugzeug aus dem Fenster schaut, erheben sich direkt hinter den Hochhäusern und Villen die mächtigen Berggipfel des Tian Shan Gebirges. Die Straßenzüge der Innenstadt sind durch die sozialistische und stalinistische Architektur geprägt. Diese werden von zahlreichen Parks und Grünanlagen gesäumt, die für ein gutes Stadtbild sorgen. Im Gegensatz zu den relativ niedrigen Häusern in der Innenstadt zeugen die Hochhäuser im Business- & Politik-Distrikt im Süden der Stadt von der wirtschaftlichen und finanziellen Stärke der Steppenrepublik.


Für Touristen bietet Almaty keine Superlativen, dafür ist die Stadt ein Paradies für Hedonisten – dies hat zumindest der Hg2-Lifestyle-Reiseführer so formuliert. Für zentralasiatische Ansprüche gibt es unzählige Bars und Restaurants von teilweise sehr hoher Qualität. Besonders im Sommer laden die Terrassen der Cafés zum gemütlichen Beisammensein ein. Im Winter bieten die Restaurants moderne Räume zum Speisen an. Außerdem gibt es einige Vergnügungsparks und große Stadtparks. Geht man in die gehobenere Gastronomie, sind die Preise nur marginal günstiger als in Europa. Häufig ist das Preisniveau sogar höher als in Deutschland.

Im Folgenden werden die von uns besuchten Orte beschrieben.



Sehenswürdigkeiten in Almaty


Panfilov Park ★★★

Der Park ist eines der Top Ausflugsziele für die Einwohner Almatys. Eine russisch-orthodoxe Kirche befindet sich auf dem zentralen Platz. Natürlich gibt es neben Bäumen und Gehwegen im Park auch die „obligatorischen“ monumentalen Weltkriegsdenkmäler und das ewige Feuer des unbekannten Soldaten. Aber richtige Sightseeing-Highlights sucht man im Panfilov Park eher vergebens.


Kok-Tobe ★★★★

Almaty heißt übersetzt „Stadt der Äpfel“ und das wohl größte Abbild eines Apfels befindet sich auf dem Berg Kok-Tobe über der Stadt. Außerdem gibt es auf dem Hausberg eine Aussichtsplattform, Restaurants und ein Freizeitpark. Diesen Park inklusive dem Apfel aus Granit besuchte sogar Gérard Depardieu 2011. Vom Berg aus hat man einen wirklich tollen Blick über die Stadt und kann sich die Zeit ganz nett im Park an einer der vielen Attraktionen vertreiben – zum Beispiel die Sommerrodelbahn, die direkt an den Abhang gebaut wurde.


Gorki Park ★★★

Unterhalb des Kok-Tobe liegt der Gorki Park, der neben den gewohnten Gärten auch einen Vergnügungspark anbietet. Unter anderem gibt es ein Riesenrad, Kettenkarussell und eine Geisterbahn. Schließlich gibt es dort auch noch ein Wasserparadies und ein paar tolle Kneipen.


Großer Almatysee/Tian Shan Gebirge ★★★★

Die Fotos, die wir dort gemacht haben sehen traumhaft aus. Die Straße ist bis ins Hochgebirge geteert. Zusätzlich zu dem Schlagbaum für das Naturschutzgebiet, muss man noch an einem Sicherheitsbeamten vorbei (Bakshish). Aus der Innenstadt Almatys liegt die Gesamtstrecke bei etwa 40 Kilometern. Als wir direkt am See standen, war das Panorama für uns doch nicht so beeindruckend, wie wir uns erhofft hatten. Interessant wird es, wenn man sich ein bisschen mehr Zeit nimmt, ein eignes Auto gemietet hat und wandern gehen kann. Die Berglandschaft stellt somit ein fantastisches Naherholungsgebiet vor den Toren Almatys dar und es ist neben der guten Luft auch deutlich kühler als in der  Stadt im Tal. Von hier aus kann man zum Beispiel nach Kirgisien zum Issyk Kul wandern. Für Naturliebhaber und Wanderfreunde ist der große Almatysee ein schönes Ausflugziel im Sommer.



Essen, Trinken und Ausgehen


Persona Grata ★★★

Das zentral gelegene Café befindet sich etwas von der Hauptverkehrsstraße entfernt, in einem Park. Es hat sowohl einen angenehmen und modernen Innenbereich, als auch eine schöne Terrasse. Die Preise sind europäisch, dafür sind Flair und Sitzmöbel gut. Wir nutzten den Außenbereich und hatten einen schönen Blick auf den angeschlossenen Park.


Samal ★★★★

Ein Stück Orient gibt es auch in Kasachstan und befindet sich eingebettet in den Tian Shan Bergen im gleichnamigen Nationalpark im Süden der Stadt fernab von Smog und der sommerlichen Hitze. Das orientalische Restaurant mit einer tollen Terrasse und mediterranen Sitzgelegenheiten ist ein orangefarbener Traum. Wir speisten eine Delikatessenplatte mit Humus, Schaschlik, Salat und einem kleinen Nachtisch. Die Zeit verging schnell, es war ja auch wunderschön. Doch leider liegt das Samal so weit außerhalb, dass wir ein Taxi rufen lassen mussten. Uns wurde standesgemäß für ein Haus dieser Klasse ein Mercedes Benz S500 gerufen. Für knapp 40 Euro wollte uns der private Fahrer in 10 Minuten zu unserem Hotel bringen. Darauf wollten wir uns nicht einlassen und begannen wirklich zähe Verhandlungen. Kurz darauf starteten wir eine verboten schnelle Rallye in die Innenstadt – in Deutschland wäre der Fahrer so ohne Umwege seinen Führerschein losgeworden. Deshalb sollte man sich bei einem Besuch dieses Restaurants schon vorher ein Taxi bzw. Fahrer besorgen, der einen abends wieder abholt.


GQ Bar ★★★★★

Die Gentlemen’s Quality Bar ist laut Reiseführer eine Institution in Almaty und liegt direkt an der großen Einfallstraße Dostyk  Avenue im Süden der Stadt im Businessviertel. Das schicke Etablissement bietet im Sommer eine Terrasse, die mit  dicken Vorhängen die Sonne und die Hitze draußen hält. Dagegen verspricht das Interieur mit dunklen Hölzern, schweren Sesseln und Vintage-Einrichtungsgegenständen, Qualität wie man sie sonst nur aus der gleichnamigen Publikation des Condé Nast Verlages kennt. Wir nutzten die Gelegenheit für einen preiswerten Businesslunch für nur knapp 2000 Tenge. Wir orderten ein leckeres drei-Gang-Menü und einen non-alcoholic Cocktail mit dem vielversprechenden Namen GQ. Wenn die (normalen) Cocktails unsere Preisbereitschaft nicht überschritten hätten, wären wir abends sicher noch einmal dort gewesen.


Gogol ★★★★

Was erwartet man von einem Nachtklub, der auch dienstags geöffnet hat? – nichts! Doch wir wurden überrascht, denn alle unsere Erwartungen zum trotz, war das gesamte Haus auf Party eingestimmt, aber ohne Gäste. Nur noch ein kleines Geburtstags-Grüppchen war auf der Tanzfläche des Clubs. Die Drinks waren super und der Preis dafür angemessen. Wenn am Wochenende hier mehr los sein sollte, dann ist das Gogol auf jeden Fall der richtige Ort, um Party zu machen.



Shopping


Ramstor ★★★★

Die zur türkischen Supermarktkette Migros gehörende Kette Ramstor betreibt in Almaty, wie in einigen weiteren kasachischen Städten, einen Hypermarkt. Ramstor hat nicht nur eine sehr große Frischetheke, sondern bietet in fast allen Food- und Nonfood Bereichen die größte Auswahl des Landes. Im gleichnamigen Kaufhaus im Businessviertel befinden sich weitere Geschäfte und eine Schlittschuhbahn die auch im Sommer in Betrieb ist.



Übernachtung


Hotel Voyage ★★★★

Voyage, Voyage .... Auch wir waren auf „Voyage“ und haben uns wohlgefühlt im ersten Boutique-Hotel Almatys. Der kostenlose Early-Check-in war für uns ein großer Pluspunkt. Die Zimmer waren sehr geräumig und das Frühstück gut. Flatscreen-Fernseher mit einer endlosschleife des Präsidentensenders waren ab hier für uns der Standard. Auch wenn alles super in Schuss war, zum richtigen Boutique Hotel gehört noch etwas mehr. Das hatten wir etwas vermisst. Über die „Secret Deals“ von Booking.com gab es das Zimmer jedoch für den halben Preis (rund 70 Euro mF im DZ) – das war für Kasachstan ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis.



Talgo-Zug zwischen Almaty und Astana


Die mit Abstand beste Verbindung zwischen Astana und Almaty stellt der mittlerweile zweimal täglich verkehrende Talgo-Nachtzug dar. In nur 12 Stunden und dreißig Minuten fährt der hochmoderne Zug made in Spain fast ohne Halt von Almaty nach Astana – mit einem PKW bräuchte man mindestens 16 Stunden. Im Gegensatz zu den anderen Zügen aus russischer oder DDR-Produktion wird in diesem Zug nichts dem Zufall überlassen. Die Laufruhe ist sehr gut und ermöglicht einen angenehmen Schlaf. Das gewohnte Kupe (Viererschlafwagenabteil) ist in diesem Zug als „Platzkartny“ geführt. Es gibt einen Provodnik für zwei kurze Wagen und es befinden sich fünf Abteile in jedem Wagen. Besonders hervorzuheben ist der Speisewagen. Hier gibt es eine besonders reichhaltige und gute Karte. Die durchweg angenehmen Preise machen einen Ausflug in den Wagen zu einem Muss. Außerdem sind die Plätze sauber, schön dekoriert – hier kann man wirklich länger verweilen. Insgesamt waren wir von der Qualität und dem Service des Zuges begeistert. Angekommen in Astana, möchte man den Schlafwagenzug am liebsten gar nicht mehr verlassen. Einziges Manko ist das etwas verlorengegangene kasachische Flair in dem Zug, das Plastik und kühlem Neonröhrenlicht weichen musste.



Astana – Hauptstadt Kasachstans


1334 Zugkilometer nördlich von Almaty, dem kulturellen und vormals politischen Zentrum des Landes, wurde zum Ende des 20. Jahrhunderts in der nördlichen kasachischen Steppe die neue Hauptstadt – Astana – sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Astana ist eine sehr heterogene Stadt und besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Stadthälften. Die nördlichen Stadtteile präsentieren sich in einem stark russisch geprägten Architekturstil mit vielen größeren Wohnblocks. Die südlichen neu entstandenen Stadtteile sind relativ anspruchsvoll und teilweise extrem „modern“ gestaltet. Beide Teile der Stadt sind somit kaum miteinander vergleichbar. Das politische Zentrum Kasachstans ist weitläufig angelegt und Blumenbeete zieren die riesigen Magistralen. Der Zustand der glänzenden Stadt Astana täuscht über den niedrigen Standard in den kleineren Städten Kasachstans hinweg. Hochhäuser, vornehmlich finanziert durch türkische und chinesische Firmen, sollen die neue Stadt verschönern. Nachts werden alle Häuser aufwendig beleuchtet. Manche Gebäudekomplexe, wie der Hauptsitz der Eurasischen Bank sind quasi überdimensioniert. Besonders bemerkenswert sind die vielen ikonischen Gebäude auf dem zentralen Boulevard. Das Khan-Shatyr (Norman Foster), der Bajterekturm und die Pyramide des Friedens  und des Einklangs (ebenfalls Foster) sind wohl die berühmtesten Bauten im ganzen Land und weit über dessen Grenzen hinaus bekannt. Der teilweise heiß verehrte Dauerherrscher Nasarbajew hat sich in Kasachstan verwirklicht.


Um in Astana voran zu kommen, sind die eigenen Füße denkbar schlecht geeignet. Insbesondere die neue Südstadt ist so weitläufig angelegt, dass der Bus oder gar ein Taxi viele Laufkilometer und die Zeit dazu ersparen. Positiv ist, dass durch die Weitläufigkeit (noch) kaum Staus auf den Straßen sind. Einen bleibenden Eindruck hat auf jeden Fall Norman Foster und sein Architekturbüro hinterlassen.


Wie bereits in Almaty versuchten wir so viel wie möglich zu sehen. Die von uns besuchten Orte sind unterhalb des Abschnitts „Abreise“ beschrieben und auch auf der Google Kasachstan-Karte vermerkt.



Abreise


Auf unserem Rückweg von Astana nach Taschkent nutzten wir die sensationell schnelle wie auch günstige Flugverbindung mit Uzbekistan Airways. Alternativ, aber etwas teurer, fliegt auch Astana Air diese Relation seit 2012. Auf dem Weg zum Flughafen merkten wir, dass entlang der Flughafenzubringerstraße unglaublich viel gebaut wird. Der Taxifahrer erzählte uns, dass die ca. 10 km zwischen Neustadt und Flughafen komplett bebaut werden sollen. Astana ist wie Dubai zur Jahrtausendwende. Denn in Astana wie auch Dubai scheint alles möglich zu sein. Es dauert aber nicht lange, bis man den enormen Leerstand in den Gebäuden realisiert, die diesen Bauboom so nicht rechtfertigen. Man kann mutmaßen, dass viele Gebäude aus reinem Prestige gebaut wurden.

Der Flughafen ist internationaler Durchschnitt und funktioniert wie ein normaler Airport. Der Check-in wie auch die Ausreise waren unspektakulär. Unser Uzbekistan Airways Flugzeug kam gerade am Airport an und wir warteten geduldig auf das Boarding. Der Flug HY 724 war sehr angenehm und das Flugzeug A320 brandneu. Eigentlich sollte jede Servicegesellschaft wissen, dass das letzte Erlebnis des Kunden mit einer Dienstleistung maßgeblich die Erinnerung des Kunden an die Dienstleistung prägt. Wir saßen, wie bereits auf dem Hinflug nach Tashkent, in der ersten Reihe hinter der Business Class. Doch bei Uzbekistan Airlines lässt man die Kunden der Economy Class konsequent nur aus dem hinteren Ausstieg heraus. Wir waren deshalb die letzten, die das Flugzeug über die Gangway verließen und ahnten, dass wir ewig bei der Immigration stehen müssen. „Glücklicherweise“ war jedoch nur ein Bus für alle Passagiere des Flugzeugs vorgesehen. Wie in Japan, wurde auch der letzte Fluggast professionell von einer Mitarbeiterin von Uzbekistan Airways in den Bus gedrückt. Es war heiß im Bus und mit gefühlten 5 km/h rollte der Bus über das Rollfeld und hielt an unendlich vielen Stoppschildern an. Wir erreichten das Abfertigungsgebäude, der Bus machte die Türen auf und alle Leute rannten durch die kleine Tür des Hintereingangs zu den Immigrationsschaltern. Einige Fluggäste versuchten tatsächlich die anderen mit Armen und Beinen zu stören. Ziel war es, zuerst zu immigrieren und das lange Warten zu vermeiden. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wie es in Usbekistan weitergeht steht im dritten Teil unserer Reise...


Fortsetzung: 3. Teil des Zentralasien-Reiseberichts: Buchara in Usbekistan



Unterkunft in Astana


Triumph of Astana Apartments ★★★★★

Eine Stadt in der Stadt im stalinistischen Zuckerbeckerstil. Das an den Kulturpalast in Warschau oder die Lomonosov-Universität erinnernde Gebäude Triumph Astana, besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Wir hatten uns über die Agentur Apartamenty.kz das Apartment Nr. 2365 mit zwei Schlafzimmern gemietet. Für gerade einmal 80 Euro standen uns drei große vollausgestattete Räume im russischen Luxusstil zu. Außerdem hatten wir in der 17. Etage einen herrlichen Blick über die Südstadt und auf den Khan Shatyr. Wir nutzten ausgiebig die Annehmlichkeiten der Wohnung wie zum Beispiel die Küche und die großen Bäder. Besonders gefallen hat uns die indirekte bunte Beleuchtung an der angedeuteten Stuckdecke. Der einzige Nachteil war eine Wartezeit von 20 bis 30 Minuten vor dem Komplex, da unsere Vermieterin zu spät kam.



Sehenswürdigkeiten


Bajterek-Turm ★★★★

Auf dem zentralen Boulevard, zwischen Khan-Shatyr und dem Präsidentenpalast liegt in der Mitte das Wahrzeichen Astanas, der verspielt wirkende Bajterek-Turm. Dieser Turm soll die Sonne – das Nationalsymbol Kasachstans – verkörpern. Natürlich wurde es vom Büro Foster, den Haus und Hof Architekten Nasarbajews, entworfen. Wir nutzten den relativ günstigen Aufstieg mit dem verglasten Aufzug. Direkt auf der Besucherplattform befindet sich der goldene Handabdruck des sonst so zurückhaltenden Dauerpräsidenten Nasarbajew – zum selbst Handanlegen. Da die Anzahl der jungen Nasarbajew-Fans beträchtlich ist, muss man für dieses Erlebnis längere Zeit anstehen. Die Fahrt auf den Turm lohnt sich, auch wenn die Aussicht durch die gelben Scheiben nicht optimal ist.


Pyramide des Friedens und des Einklangs ★★★★

Ein weiteres architektonisches Highlight ist die Pyramide auf der Achse zwischen Khan-Shatyr und Präsidentenpalast. Ganz am Ende der Magistrale im Osten des Regierungsbezirks steht das wohl seltsamste Gebäude der Stadt. Denn so richtig konnten wir den Sinn des Gebäudes nicht nachvollziehen. Es gibt einen tollen Opernsaal, zwei riesige Tagungsräume, einen senkrecht wachsenden Garten, sowie Fahrstühle die schräg verlaufen (die es nur an drei Orten auf der Welt gibt). Ein weiterer Fahrstuhl in die Spitze ist exklusiv für den Präsidenten bestimmt – ein Mann des Volkes versteht sich. Diese Investition erscheint umso sinnvoller, als uns mitgeteilt wird, dass der Präsident pro Jahr nur eine einzige Tagung in der Spitze der Pyramide abhält. Dieses Gebäude ist wohl ein Liebling von Nasarbajew.

Ein richtiges Friedensmuseum konnten wir in dem Gebäude nicht finden, außer einer Ausstellung von Trachten, wobei die deutsche und jüdische Tracht die Grenzen des guten Geschmacks deutlich überschritten. Warum das mit schwarzem Granit ausgestattete Gebäude der Religionen und der Eintracht dienen soll, wussten wir selbst nach der eigens für uns anberaumten englischsprachigen Führung durch das Gebäude nicht.



Essen


Rafé II ★★★★

Wir kamen in Astana Hauptbahnhof um 8:31 Uhr an und brauchten dringend einen Guten-Morgen-Kaffee! Wir entschieden uns für das zentral gelegene Rafé II und konnten beim Betreten schon feststellen, dass wir uns für die richtige Location entschieden hatten. Unsere strapazierten Mägen konnten wir schon 9:30 Uhr mit gutem Kaffee, Suppen und Sandwiches aufpäppeln. Der Laden und die Gäste waren so hip, dass wir auch gerade in Seattle Downtown hätten sein können. Die Preise waren human und die Qualität bzw. die Mengen waren hervorragend.


Barhat Lounge im Radisson Blu ★★★

Die Barhat Lounge bietet im Sommer wie jede Bar in Kasachstan einen Außen- und einen Innenbereich an. Wir entschieden uns bei den sommerlichen Temperaturen für den Außenbereich, der mit einem großen Zelt überdacht wurde. Trotzdem versuchte der Laden, das Zelt so schick wie möglich einzurichten. Die Preise sind wie im Radisson Blu Hotel exorbitant hoch. Deshalb eignet sich die Barhat Lounge auch oder nur zum Peoplewatching der nicht immer schönen aber extrem reichen Kasachen, die vor dieser Bar ihre Porsche Cayennes parken. Nur wer es sich leisten kann, bestellt Cocktails zwischen 2000-4000 Tenge. Von den Essens- und vor allem Shishapreisen brauchen wir gar nicht erst sprechen. Für das Geld könnte ein deutscher Tourist während seines Strandurlaubs in Hurghada die Shisha gleich mitnehmen und würde noch 1 Kilo Tabak dazubekommen. Der Außenbereich ist im Gegensatz zum Innenbereich nicht besonders spektakulär. Das Personal und die Gäste tun sich wahnsinnig wichtig, der Service ist für dieses Preisniveau eher unterdurchschnittlich.


Egorkino ★★★

Russland at its best ist das Motto des russischen Restaurants. Es bietet eine riesige Speisekarte, aber dafür gibt es keine extra Mittagskarte. Die Preise sind auch für europäische Verhältnisse sehr hoch. Da wir zum Mittagessen dem Restaurant einen Besuch abstatteten, nahmen wir nur ein paar Vorspeisen, wie Pferdefleischsoljanka und Blini zu uns. Der Außenbereich ist stereotypisch eingerichtet. Das Essen hat sehr gut geschmeckt.



Shopping


Khan Shatyr (Хан Шатыр) ★★★★★

Das ikonische Gebäude von Foster and Partners ist einer traditionellen Jurte nachempfunden. Die Zeltdecke besteht aus tausenden sonnendurchlässigen Kunstoffkissen. Der Luftdruck jedes einzelnen Kissens wird computergestützt und vollautomatisiert kontrolliert, um die Wärme im Inneren besser anpassen zu können. Die Innentemperatur soll so ganzjährig zwischen 15 und 30°C gehalten werden können. Man bemerke, dass Astana die kälteste Hauptstadt der Welt ist und jährlich Temperaturschwankungen von -40 bis +35°C hat. Das größte Zelt der Welt wird von einem Dreibein aus Stahl gehalten, welches von einer türkischen Firma installiert wurde. Der gesamte Komplex ist nach dem Willen Nasarbajews eines der Highlights in Astana und musste bis zu seinem Geburtstag im Jahr 2010 fertiggestellt werden. Die Eröffnung wurde von Andrea Bocelli begleitet und von Medwedew, Janukowitsch, Gül und Lukaschenko sowie den Präsidenten Tadschikistans, Kirgistans, dem Prinzen und dem König von Jordanien besucht. Man muss nicht gerade zum Shopping hierher kommen, auch der Food Court und die Freizeitattraktionen lohnen sich. So gibt es einen kleinen Freefalltower, einen Wasserpark und eine Wildwasserbahn. Ein Schwimmbad mit Sandstrand ist unter dem Dach vorhanden, aber relativ teuer. Allein für die Besichtigung der einzigartigen Architektur lohnt sich ein Umweg.


Ramstor ★★★★

In unserer Küche im Triumph of Astana versuchten wir uns an Pelmeni, die wir zuvor bei Ramstor gekauft hatten. Das Tiefkühlprodukt war zwar etwas überteuert, aber ansonsten war der Ramstor gut sortiert. Hier findet man im Prinzip alles, was in Kasachstan verfügbar ist. Wie beschrieben ist Ramstor eine türkische Supermarktkette und betreibt einige Filialen in Kasachstan. Sollte der Ramstor zu langweilig sein, können wir die neue Cash&Carry-Filiale der Metro an der Stadtgrenze empfehlen.



Unsere Zugverbindungen in Kasachstan












Reiseführer


Trescher Kasachstan

Für nachezu jedes Reiseziel im Osten hat der Trescher Verlag einen hilfreichen Führer. Dies gilt auch für Kasachstan, dessen Führer im November 2011 zum vierten Mal neu aufgelegt wurde. Man kann zwar bemängeln, dass einige detaillierte Informationen zur Fortbewegung oder durchschnittlichen Preisen fehlen, aber dennoch würden wir nie auf die Idee kommen ohne dem Trescher-Führer zu reisen. Wie immer gilt: Die Mischung machts!


Hg2 - A Hedonist‘s Guide to Almaty and Astana

Dieser englischsprachige Führer konzentriert sich vor allem auf Restaurants, Bars, Ausgehmöglichkeiten und Hotels in Almaty und Astana. Der in London herausgegebene Führer ist von einer hohen Qualität. Überdies sind die Angaben für den interessierten Reisenden von hohem Wert. Denn neben Fotos und Beschreibungen hat man meist aus genauere Informationen zu Öffnungszeiten und den zu erwartetenden Preisen - die Kasachstan durchaus überraschend hoch ausfallen können. Besucht man die beiden Städte länger als einen Tag lohnt sich die Anschaffung dieses Führers bereits. Wir würden uns freuen, wenn es diese Führer in noch mehr Städten geben würde. Aus den Ländern der ehemaligen UdSSR gibt es neben Almaty und Astana in dieser Reihe auch: Baku, Moskau und Talinn.


Lonely Planet Central Asia

Die Central Asia Ausgabe vom Lonely Planet ist im Vergleich zu den anderen Guides des Verlags nicht mithalten. Mehr als knackige kurze Texte und ein paar verstörende Sicherheitsinformationen liefert der Reiseführer nicht. Aufgrund der schwachen touristischen Infrastruktur in den Ländern muss man damit rechnen, dass sich alle Touristen in einem der wenigen beschriebenen Hotels/Unterkünfte wiederfinden. Größeren Mehrwert stiften nur die sehr guten Karten. Wir hätten uns detaillierte Infos zu den Grenzposten gewünscht. Die aktuelle Auflage dieses Führers ist fast überall vergriffen, es wird aber 2013 eine Neuauflage geben.

Hinweis: Der Zentralasien-Reisebericht ist in 5 Teile gegliedert und fortlaufend geschrieben. Um den Text nacheinander zu lesen, folgen Sie dem Fortsetzungs-Link am Ende jedes Abschnitts.